Ein Mosaik à la Lemière
Nach der Ukraine mit ihrem seit 2022 andauernden Widerstand gegen die russische Aggression demonstriert gegenwärtig auch der Iran gegenüber den USA und Israel, wie sich ein nach herkömmlichen Kriterien militärisch deutlich unterlegener Staat dennoch erfolgreich gegen Angriffe von außen zur Wehr setzen kann. Noch stärker als im Fall der Ukraine ähnelt die iranische Doktrin mit ihrer dezentralen Organisation und defensiven Ausrichtung mit dem Ziel, durch resiliente Widerstandsfähigkeit in der Fläche und die Vorbereitung einer Art Volkskrieg gegen jeden Aggressor einen Abschreckungseffekt zu erzielen, der Konzeption Jean Lemière de Corveys, die er vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen im Spanischen Unabhängigkeitskrieg (1808-1814) Anfang der 1820er Jahre als Defensivstrategie für Frankreich entwickelte.
Die als „mosaic defense“ bezeichnete iranische Verteidigungsdoktrin ist eng mit der Person Generalmajor Mohammad Ali Jafaris verbunden, der von 2007 bis 2019 Befehlshaber des Korps der Islamischen Revolutionsgarden (IRGC) war. Er entwickelte seit 2005 die „Mosaik-Strategie“, welche dann in seiner Kommandozeit durch die Reorgansation des IRGC in 31 unabhängige Provinzkommandos als selbstständige und selbsterhaltende militärische Einheiten, die auch bei einer Ausschaltung der zentralen Führung oder anderer Provinzen weiterhin handlungs- und kampffähig bleiben und entsprechend ausgestattet sein sollten. Dabei stützte sich Jafari auf die Erfahrungen aus dem Irak mit dem schnellen Kollaps der irakischen Streitkräfte im Dritten Golfkrieg 2003 und dem anschließenden langfristigen Bürger- und Besatzungskrieg, aus Afghanistan mit der sowjetischen Invasion (1979-1989) und den US-geführten Krieg gegen Al-Qaeda und die Taliban (2001-2021) sowie aus dem internationalisierten syrischen Bürgerkrieg (2011-2024). Zugleich wurde die operative Dezentralisierung der Verteidigung dadurch erleichtert, dass im Iran mit der regulären Armee (Artesh), der Revolutionsgarde (IRGC/Pasdaran), paramilitärischen Polizei- und Grenzschutzeinheiten sowie der primär zur innenpolitischen Kontrolle eingesetzten Freiwilligenmiliz (Basidsch) ohnehin mehrere konkurrierende Streitkräfteorganisationen existieren.
Im Kriegsfall, d.h. für den Fall des Scheiterns der Abschreckung (wie im aktuellen Fall), kann die defensive Verteidigung des Landes dann durch zusätzliche offensive Operationen gegen die Logistik und den politisch-gesellschaftlichen Durchhaltewillen des Gegners ergänzt werden, etwa durch Raketen- und Drohnenangriffe auf Stützpunkte und Infrastruktur, Cyberattacken, den Einsatz von Proxys (Hisbollah, Huthis) oder eben die Sperrung des global wichtigen Handelsweges der Straße von Hormus. Beides dient letztlich ganz im Sinne Lemières dem Zweck, die Kosten eines Konflikts für einen Gegner, der im konventionellen Sinn militärisch nicht zu besiegen ist, so hoch zu schrauben, dass er früher oder später von der Aggression ablassen muss. In einer solchen Situation befinden sich gegenwärtig die Vereinigten Staaten, deren Absicht, die iranische Führung durch die Entfaltung überlegener militärischer Macht zu einem schnellen Aufgeben und umfangreichen politischen und ökonomischen Zugeständnissen an die Trump-Administration zu zwingen, offenkundig gescheitert ist, nicht zuletzt deshalb, weil die „mosaic defense“ unzureichend wahrgenommen wurde.
Es liegt auf der Hand, dass Praktikabilität und Erfolg einer solchen Verteidigungsstrategie davon abhängen, dass sie zum einen sorgfältig vorbereitet wurde und zum anderen auf den Widerstandswillen und damit auch die Leidensfähigkeit der Bevölkerung des Landes bauen kann. Nachdem die Doktrin seit Mitte der 2000er Jahre entwickelt und umgesetzt wurde, kann man davon ausgehen, dass ersteres gegeben ist, auch wenn die praktische Ausrichtung einiger autonom agierender Akteure des Mosaiks durchaus potenziell kontraproduktiv, weil eskalierend wirken könnte, wie etwa die vereinzelten Raketenangriffe auf die Türkei und damit auf NATO-Gebiet Anfang März zeigen. Zumindest zum gegenwärtigen Zeitpunkt kann außerdem davon ausgegangen werden, dass auch eine innenpolitische Aufweichung und damit ein Scheitern der Strategie aufgrund einer sich auflösenden Verteidigungsmoral im Iran trotz der hohen humanitären Kosten des Krieges unwahrscheinlich ist. Denn zum einen hat sich das iranische Regimes seit langem auf eine solche Konfliktkonstellation eingestellt, wie die schnelle Ersetzung des Führungspersonals zeigt, und zudem im Vorfeld des Krieges bekanntlich die Opposition und den zivilgesellschaftlichen Widerstand brutal niedergeschlagen. Zum anderen sind die Herrschaftsstrukturen im Iran in beinahe 50 Jahren seit der Islamischen Revolution so umfassend und tief in der Gesellschaft verankert worden, dass es eine Vielzahl von Nutznießern des Regimes gibt, die bei einem wie auch immer gearteten Umsturz ihre einträglichen Pfründe (und potenziell sogar ihr Leben) verlieren würden und eine entsprechend hohe Motivation zum Erhalt des Systems aufweisen. Man denke nur an die Durchdringung von Politik und Wirtschaft durch das IRGC oder die Zehn- oder Hunderttausende von „kleinen“ Profiteure, die sich als Basidschis an der gewaltsamen Unterdrückung der Bevölkerung beteiligt haben.
Lemières zweihundert Jahre alte Schrift zeigt, dass eine volkskriegbasierte Defensivstrategie letztlich ganz im Sinne von Clausewitz‘ Verständnis des Krieges als „Akt der Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen“ (Vom Kriege, 1. Buch, 1. Kapitel) ein Wettstreit der Durchhaltewillen der Konfliktparteien inklusive humanitär horrender Eskalationsdynamiken ist. Im Augenblick sieht es so aus, dass der Iran bzw. die iranische Führung in dieser Hinsicht am längeren Hebel sitzt.
Literatur/Links
von Clausewitz, Carl (2010 [1832-1834]) Vom Kriege. Augsburg/Berlin: Bibliotheca Augustana/Clausewitz-Gesellschaft; https://www.clausewitz-gesellschaft.de/wp-content/uploads/2014/12/VomKriege-a4.pdf .
Grinberg, Alexander (2026): Iran’s Mosaic Defense Faces Its Real Test. JISS (Jerusalem Institute for Strategy and Security) Policy Paper, 24.3.2026; https://jiss.org.il/en/grinberg-irans-mosaic-defense-faces-its-real-test/ .
Lemière de Corvey, Jean Frédéric Auguste (1823): Des partisans et des corps irréguliers. Paris: Anselin et Pochard; https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb10785134?page=,1 .
Posch, Walter (2024): Der iranische Sicherheitsapparat. Geschichte – Gegenwart – Auftrag (Schriftenreihe der Landesverteidigungskademie 10/2024, Juli 2024). Wien: Bundesministerium für Landesverteidigung; https://www.bmlv.gv.at/pdf_pool/publikationen/buch_der_iranische_sicherheitsapparat_posch_web.pdf .
Rotte, Ralph (2013): Lemière (Le Mière) de Corvey, Jean. In: Daniel Coetzee/Lee W. Eysturlid (Hg.), Philosophers of War. The Evolution of History’s Greatest Military Thinkers, vol. 2, Westport CT (Praeger): 351-353.
The Soufan Center (2026): Iran’s “Mosaic Defense“ Strategy: Decentralization as Resilience Factor. TSF Intelbrief, 9.3.2026; https://thesoufancenter.org/intelbrief-2026-march-9a/ .