Lemière lässt grüßen: Der Ukraine-Konflikt als Volkskrieg
Zu den für viele überraschenden Aspekten des gegenwärtigen Krieges in der Ukraine gehört wohl, dass es der technologisch und theoretisch praktisch in allen Belangen überlegenen russischen Armee nicht gelungen ist, einen schnellen, entscheidenden Sieg gegen die ukrainischen Verteidiger zu erringen. Verantwortlich dafür waren bekanntlich offensichtliche Fehlplanungen auf der Basis grundsätzlich falscher Erwartungen über den Widerstandswillen der Ukrainer, die gravierenden Mängel der russischen Streitkräfte in Logistik und Moral sowie die mangelnde Schwerpunktsetzung in den russischen Operationen. Vor allem jedoch scheinen die Russen davon überrascht worden zu sein, wie sich die Ukraine taktisch-operativ und organisatorisch auf eine Invasion vorbereitet hat: Zum einen vermeiden die ukrainischen Streitkräfte die direkte Konfrontation mit den an Feuerkraft überlegenen russischen Truppen auf gleicher Ebene und in Grenznähe, sondern verlegen sich auf die Verteidigung wichtiger Verkehrsknotenpunkte und Ortschaften gegen die russischen Angriffsverbände sowie auf Hinterhalte und Überraschungsangriffe insbesondere auf Nachschubkolonnen und Reserven im Hinterland der russischen Front. Zum anderen wird die reguläre ukrainische Armee durch eine Vielzahl von Freiwilligen und Milizionären unterstützt, und die ukrainische Führung mit ihrer Symbolfigur Präsident Zelenskys führt den Krieg als existenziellen nationalen Verteidigungskrieg einschließlich einer Massenbewaffnung der Bevölkerung, um den Aggressor potenziell überall und mit fast allen Mitteln zu bekämpfen. Vereinfacht gesagt handelt es sich um eine Art „Volkskrieg“ im Sinne Carl von Clausewitz’:
„Der Gebrauch des Landsturmes und bewaffneter Volkshaufen kann und soll nicht gegen die feindliche Hauptmacht, auch nicht einmal gegen beträchtliche Korps gerichtet sein, er soll nicht den Kern zermalmen, sondern nur an der Ober äche, an den Umgrenzungen nagen. Er soll sich in den Provinzen erheben, welche dem Kriegstheater seitwärts liegen und wohin der Angreifende nicht mit Macht kommt (...). (...) So verbreitet sich das Feuer wie ein Brand in der Heide und trifft am Ende die Bodenfläche, auf welche der Angreifende basiert ist; es ergreift seine Verbindungslinie und zehrt an dem Lebensfaden seines Daseins. (...) Dadurch bekommt der Marsch jeder kleinen Abteilung in einem Gebirge, einer Wald- oder sonst sehr durchschnittenen Gegend einen sehr gefährlichen Charakter (...). (...) Nach unserer Vorstellung vom Volkskriege muss er wie ein nebel- und wolkenartiges Wesen sich nirgends zu einem widerstehenden Körper konkreszieren, sonst richtet der Feind eine angemessene Kraft auf diesen Kern, zerstört ihn und macht eine große Menge Gefangene; dann sinkt der Mut, alles glaubt, die Hauptfrage sei entschieden, ein weiteres Bemühen vergeblich, und die Waffen fallen dem Volke aus den Händen. Von der anderen Seite aber ist es dennoch nötig, dass sich dieser Nebel an gewissen Punkten zu dichteren Massen zusammenziehe und drohende Wolken bilde, aus denen einmal ein kräftiger Blitzstrahl herausfahren kann“ (von Clausewitz 1970, S. 92 f.).
Tatsächlich folgt die Ukraine damit offensichtlich einem strategischen Ansatz, der einerseits nicht neu, andererseits aber bislang selten bereits im Frieden systematisch vorbereitet wurde: der Verteidigung eines militärisch eigentlich schwächeren Staates gegen einen übermächtigen Aggressor mit Hilfe des Guerilla- und Volkskrieges als wesentlicher Ergänzung oder gar Substitut für eine symmetrische konventionelle Abwehr. „Ein besonders detailreicher Entwurf für einen bereits im Frieden vorbereiteten Guerillakrieg als Strategie zur Bewahrung der Unabhängigkeit eines konventionell schwachen Landes stammt interessanterweise von einem ehemaligen französischen Of zier der Revolutions- und Napoleonischen Kriege, Jean-Philippe-Auguste Lemière (auch Le Mière) de Corvey (1771–1832), der 1823 sein Werk ‚Des Partisans et des Corps Irréguliers’ veröffentlichte (...). Angesichts der militärischen Schwäche Frankreichs nach dem Sieg der europäischen Großmächte über Napoleon entwickelte er darin seine Vorstellung von einer nationalen Verteidigung durch irreguläre Kräfte. Lemière basierte seine Konzeption des nationalen Guerillakriegs auf seine eigenen Erfahrungen im Kampf gegen Aufständische in der Vendée und vor allem in Spanien zwischen 1809 und 1812, außerdem auf historischen Beispielen wie dem Widerstand der Chouans in der Bretagne gegen die Französische Revolution, den Grenzmilizen in den Pyrenäen (Miquelets), den Alpenbewohnern in der französisch-italienischen Grenzregion (Barbets) oder den Piraten (Filibustern) der Karibik des 17. Jahrhunderts (Lemière 1823, S. 67–74). Dabei fanden vor allem der mutige und duldsame Patriotismus der ansonsten schlecht bewaffneten und undisziplinierten spanischen Guerillerogruppen und ihr konsequentes Vermeiden offener Gefechte mit französischen Truppen zugunsten von Angriffen auf kleine Trupps, schwache Eskorten und einzelne Soldaten die Anerkennung, ja Bewunderung Lemières. (...)
Aufbauend auf diesen Erfahrungen ging Lemière davon aus, dass ein nationaler Krieg zur Verteidigung der Unabhängigkeit gegen eine ausländische Invasion ein ‚guerre d’extermination’ unter Aufbietung aller Kräfte sein müsse, in dem der Feind gnadenlos gejagt werden würde. Denn ‚toutes ces guerres où l’on employe les levées en masse, sont alimentées par un fanatisme quelconque soit esprit de parti, d’opinion, de religion, etc.; sans cela, il n’y aura pas de ces guerres d’extermination dont les résultats sont horribles’ (Lemière 1823, S. vii f.). Ohne den Willen, sich unbedingt zu verteidigen, sei das Vaterland im Falle einer Invasion dazu verdammt, geplündert, ruiniert und misshandelt zu werden (Lemière 1823: 97). Der resultierende Widerstandskrieg werde daher ein ‚guerre (...) de tous les métiers, le plus savant et le plus difficile’ (Lemière 1823, S. 75) sein müssen.
Das entscheidende Argument für einen Guerillakrieg gegen einen konventionell überlegenen Feind ist nach Lemière die Aussichtslosigkeit der Verteidigung insbesondere der Städte durch reguläre Truppen. Dabei sei auch die angeblich hohe Widerstandsmoral von Bürgern, die ihr eigenes Heim und ihre Familie verteidigen, illusorisch: ‚(...) jamais Paris, ni aucune grande ville ne se défendra avec succès contre une armée, moins d’être électrisée par un fanatisme quelconque; la raison en est simple: dans toutes les grandes villes, les propriétaires, les marchands et tous les gens établis, ne sont point, ou ne sont plus militaires (...) Les hommes se laissent presque tous conduire par des considérations particulières; combien de gens très-ordinaires passent pour de grands-hommes, parce que l’on ne connaît pas les motifs qui les ont fait agir! (...) Rappelez-vous bien, que l’on prend toutes les villes quand on peut en faire le siège régulièrement (...). (...) c’est folie de vouloir se défendre jusqu’à la dernière extrémité dans une ville ouverte (...)’ (Lemière 1823, S. xix–xxi).
Daher ist der Guerillakrieg die einzige Alternative zur Niederlage, sobald die eigene Armee zu schwach ist, dem Feind aussichtsreich Widerstand zu leisten (Lemière 1823, S. xxiv). Dies verdeutlicht, dass der Partisanenkrieg vor allem eine alternative Methode zur symmetrischen Kriegführung ist, die durchaus auch im zwischenstaatlichen Krieg angewendet werden kann und damit nicht unbedingt – wie bei heutigen Definitionsversuchen, welche sich i. e. L. am Phänomen revolutionären oder nationalen (Widerstands-)Kriegen orientieren, üblich – ausschließlich zwischen einem Staat in Form einer Regierung/Besatzungsmacht und nichtstaatlichen Gruppierungen (politische Opposition, spontaner Volkswiderstand) auftreten kann. Vielmehr steht in seiner Konzeption hinter den bewaffneten Gruppen, die einer staatlichen Macht gegenüberstehen, wiederum ein Staat bzw. eine Regierung, auch wenn deren Befehls- und Führungsgewalt schwächer ausgeprägt sein mag als im konventionellen symmetrischen Staatenkrieg. Lemières selbstgesetztes Ziel seiner systematischen Analyse des Guerillakriegs ist es zu demonstrieren, dass eine wohlorganisierte, bereits im Frieden umfassend und deutlich sichtbar vorbereitete Guerillastrategie insgesamt international friedensfördernd wirken würde, da von ihr ein umfassender Abschreckungseffekt ausgehen würde (Lemière 1823, S. ix f.).
Die Organisation des nationalen Guerillakriegs nach Lemières Vorstellung basiert auf den Prinzipien der levée en masse, der straffen Führung durch eine provisorische Regierung (nach dem idealisierten Vorbild der spanischen Junta von Cadiz) nach der wahrscheinlichen Absetzung der etablierten Regierung durch die Invasoren (Lemière 1823, S. xi–xiii, 68), der Dezentralisierung der Kräfte sowie des intensiven Trainings der Guerillaeinheiten und ihrer Führung. Das Land sollte in cercles aufgeteilt werden, welche wiederum in départements, arrondissements und sous-préfectures untergliedert werden sollten, möglichst nach ethnisch oder national kohärenten Regionen, wie etwa Bretagne, Normandie oder Picardie (Lemière 1823, S. 109–112). (...)
Im Kriegsfall sollte die Mobilisierung der Partisanenlegionen durch die Regierung (...) aktiviert wer- den (Lemière 1823, S. 109). Bereits im Fall internationaler Spannungen und wach- sender Invasionsgefahr sollten jedoch alle kriegstauglichen Männer zwischen 18 und 45 Jahren auf Gemeindeebene erfasst und in Gruppen unterschiedlicher Verwendbarkeit eingeteilt werden. Männer ohne Familie und ‚guten Willens’ sollten bei Bedarf als partisans-volontaires (Freiwillige) zur Unterstützung der aktiven Truppe, also quasi als Ersatzreserve, eingesetzt werden (Lemière 1823, S. 128), während die Anderen als partisans-sédentaires (Ortsansässige) lediglich in Einsätzen von wenigen Tagen Dauer und in Handstreichoperationen (Lemière 1823, S. 134) dienen sollten. Jede Kompanie würde damit eine beträchtliche Anzahl an verfügbaren Reservisten verfügen, die bei Bedarf vom zuständigen colonel-commandant aktiviert werden könnten (Lemière 1823, S. 125). (...) Die partisans-sédentaires sollten sich mit allen verfügbaren Schusswaffen, etwa Jagdgewehren, bewaffnen (Lemière 1823, S. 131– 137). Die Soldaten sollten sich durch Patriotismus, Angriffsschwung, Durchhaltefähigkeit und ‚un peu de fanatisme’ auszeichnen (Lemière 1823, S. 77, 145); darüber hinaus nannte Lemière drei grundlegende Qualifikationen eines Guerilleros, nämlich ‚être sobre, bien marcher et savoir tirer un coup de fusil’ (Lemière 1823, S. 142). Außerdem sollte das taktische Verhalten der Soldaten permanent geübt werden, etwa Hinterhalte und Angriffe auf Versorgungskonvois, vorzugsweise unter Anleitung erfahrener gedienter Unteroffiziere (Lemière 1823, S. 143–147), denn ‚il faut de l’habitude pour bien faire le métier de partisan’ (Lemière 1823, S. 92). Zudem müssten die Männer ein gehöriges Maß an Mut und Patriotismus mitbringen, welche sie zum einen bräuchten, um freiwillig ihr Heim und ihre Familie zu verlassen, und zum anderen, um angesichts der zu erwartenden brutalen Repressionen eines verunsicherten und hasserfüllten Feindes nicht zusammenzubrechen (Lemière 1823, S. 45–148). (...)
Für ihre Aktivitäten sollte sich die Guerilla der Beschaffenheit und ihrer überlegenen Kenntnis des Landes bedienen und insbesondere in gebirgigen Gegenden, in Wäldern und im Maquis (Dickicht, Unterholz) operieren (Lemière 1823, S. 98). Der Aufklärung des Geländes kommt stets zentrale Bedeutung zu (Lemière 1823, S. 154). Die Hauptaufgabe der Guerilleros besteht darin, den Gegner überall permanent in Unruhe zu halten, ihn so graduell zu erschöpfen, seine Versorgung zu unterbinden, seine Nachschubkolonnen zu zerstören oder zu plündern, seine Nachrichten abzufangen und Kommunikationslinien zu unterbrechen sowie alle einzeln angetroffenen Feindsoldaten auszuschalten (Lemiére 1823, S. 98). Während die feindlichen Truppen die Städte besetzt halten, sollen sie auf den Verbindungsstraßen Angriffen ausgesetzt sein, um jeden Verkehrsengpass wieder und wieder kämpfen müssen und gezwungen sein, jegliches Vehikel nurmehr mit einer Eskorte durch das Land fahren zu lassen. Auf diese Weise soll die eigentlich militärisch überlegene Besatzungsmacht ermüdet und von jeder Auffrischung abgehalten werden, so dass sie peu à peu aufgerieben wird, ohne jemals auf einen Schlag massive Verluste zu erleiden (Lemière 1823, S. 99). Entsprechend sind auch offene Gefechte der Guerilleros gegen disziplinierte Truppen zugunsten von Hinterhalten oder listenreichen Überfällen zu vermeiden, es sei denn, diese werden überrascht oder befinden sich in deutlicher Unterzahl (Lemière 1823, S. 100). Vielmehr soll der Gegner ganz allmählich geduldig, systematisch und gnadenlos vernichtet werden: ‚(...) on doit concevoir que le but principal de ce genre de guerre, est d’obtenir la destruction insensible de l’ennemi, et comme la goutte d’eau nit à la longue par creuser la pierre, il faut de la patience et de la persévérance, suivre toujours le même système (...)’ (Lemière 1823, S. 104). (...)
Kämpfer, die im Augenblick nicht für Widerstandsaktivitäten gebraucht würden, sollten ihrem täglichen Handwerk als einfache Bürger ihrer Gemeinde nachgehen und keinerlei Zeichen einer militärischen Organisation abgeben. Die effektive Kontrolle des Landes durch den Feind sollte sich auf diese Weise auf das Gebiet beschränken, in dem sich gerade seine Truppenkonzentrationen aufhielten; ansonsten sollte das formal besetzte Territorium für die Besatzungsmacht stets unsicher und furchteinflößend bleiben (Rotte 2013).
Militärische Gegenmaßnahmen der Besatzungsmacht gegen eine gut organisierte und entschlossen geführte Guerilla hält Lemière vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen in Spanien für wenig aussichtsreich. Die Sicherung von Nachschublinien durch Befestigungen und der Geleitschutz für Nachschubkolonnen würden durch die Flexibilität der Partisanen immer wieder umgangen oder ausgehebelt worden; eine flächendeckende Sicherung sei angesichts der Größe und geographischen Beschaffenheit des Landes nicht möglich gewesen. Im Gegenteil trug die Errichtung von Forts an wichtigen Verkehrswegen und Kommunikationsknotenpunkten aufgrund des Zusatzaufwandes für die Besatzungen nur noch weiter zur Erschöpfung der Okkupationsarmee bei (...). Selbst brutale Repressalien des zunehmend erschöpften und demoralisierten Feindes gegen die zum fanatischen Widerstand entschlossene Bevölkerung würden unter solchen Umständen nicht erfolgreich sein, und nach einem langandauernden Guerillakrieg wird der Gegner laut Lemière wenn nicht vernichtet, so doch in seinem Kampfgeist gebrochen sein und sich aus dem nicht wirklich zu erobernden Land zurückziehen. (...) Sofern die operativen und taktischen Regeln des Guerillakrieges konsistent umgesetzt und patriotische Moral, Durchhaltewillen und Geduld der Bevölkerung aufrechterhalten würden, könne eine nationale Verteidigung durch Guerillakrieg damit letztlich nur durch die Verteidiger selbst und deren Uneinigkeit bzw. mangelnde Disziplin besiegt werden (...). Nicht militärischer Zwang und brutale Repression sind demnach laut Lemière die einzige Chance eines Besatzers, seine Gewinne zu konsolidieren, sondern Kooperation, Entgegenkommen und Arrangement mit den Einheimischen, denn ‚(...) quand on veut conserver sa conquête, il faut traiter les vaincus avec douceur, c’est le moyen de se les attacher’ (Lemière 1823, S. viii)“ (Rotte 2019: 219-224).
Bekannte Beispiele für einen guerillabasierten Nationalkrieg, v.a. als Ergänzung konventioneller Kriegführung, sind bekanntlich der Spanische Unabhängigkeitskrieg gegen Napoleon 1807 bis 1814, oder der sowjetische Partisanenkrieg im Rücken der deutschen Ostfront 1941 bis 1944. „Gleichwohl gibt es kaum historische Beispiele für eine Realisierung eines guerilla- basierten nationalen Verteidigungssystems in der Stringenz und Rigorosität des umfassenden Ansatzes Lemières. In Frankreich wurden Lemières Idee nie umgesetzt, auch wenn im Militärgesetz von 1868 bereits die Aufstellung von franc-tireur-Kompanien als regionale Verteidigungstruppe zusammen mit der Garde nationale mobile vorgesehen war (...). Mit solchen Freischärlern sahen sich dann die deutschen Truppen im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 konfrontiert, ohne dass jene letztlich die Niederlage Frankreichs abwenden konnten, nachdem sich die republi- kanische Führung zur Wiederaufnahme des konventionellen Kampfes entschlossen hatte (...). In den meisten Fällen ist der Guerillakrieg eine mehr oder weniger spontane Reaktion auf das Scheitern konventioneller symmetrischer Verteidigungsanstrengungen oder auf die Unterdrückung durch eine Besatzungs- macht (...). (...) Eine systematische, von einem Staat als zentralen Kernbestandteil seiner Verteidigungsstrategie bereits im Frieden betriebene Vorbereitung eines flächendeckenden Guerillakrieges im Sinne Lemière findet sich hingegen kaum.
Dies gilt auch etwa für die Verteidigungsdoktrin kleinerer, blockfreier europäischer Staaten wie die Schweiz, Schweden oder Finnland, welche während des Kalten Krieges durchaus Ansätze dazu aufwiesen. Die Schweiz entwickelte in den 1950er Jahren auf der Basis des etablierten Milizwesens das Konzept der ‚Totalen Verteidigung’, seit Ende der 1960er Jahre ‚Gesamtverteidigung’ genannt, in dem der Einsatz aller verfügbaren Ressourcen gegen einen Aggressor von außen vorgesehen war. (...) Mitte der 1970er Jahre nahm die Schweizer Armeeführung von den radikalen Überlegungen eines Volkskrieges praktisch endgültig Abschied (...): Obwohl die Gesamtverteidigungskonzeption von 1973 den Widerstand im vom Feind besetzten Gebiet als strategische Hauptaufgabe im Fall einer Invasion der Schweiz vorsah und politisch-gesellschaftlich ein Volksaufstand als ultima ratio der nationalen Existenzerhaltung allgemein als legitim betrachtet wurde, blieb die offizielle Haltung bis zum Ende des Kalten Krieges, dass nach ‚dem operativen Zusammenbruch (...) versprengte Teile der Armee den Kampf im feindbesetzten Gebiet im Kleinkrieg fortführen [sollten]. Währenddessen und danach sollte die Zivilbevölkerung den Kampf völkerrechtskonform, d.h. ohne Gewaltanwendung fortsetzen’ (...). (...)
Schweden verfolgte mit seinem Konzept der ‚totalen Verteidigung’ nicht nur die Fähigkeit, durch eine enge Vernetzung von Militär, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft eine schnell mobilisierbare, modern ausgerüstete und im Kriegsfall quantitativ beeindruckende Armee von 750.000 Mann ins Feld zu stellen. Vielmehr boten die vorbereitete dezentrale Mobilisierung an tausenden von Mobilisierungspunkten mit entsprechenden Lagern von Waffen, Ausrüstung und Munition (...) sowie die Institution der freiwilligen Heimwehr (‚Hemvärnet’) mit 100.000 Mann und insgesamt 18 ebenfalls freiwillige Verteidigungsorganisationen mit rund 400.000 Mitgliedern (...), durchaus Ansatzpunkte für eine Territorialverteidigung auf Guerillabasis. Entsprechende Vorstellungen wurden in den 1970er und 1980er Jahren vor dem Hintergrund der steigenden Kosten der Rüstung für Luftwaffe und Marine sowie einer wachsenden Furcht vor einem sowjetischen Überraschungsangriff auch diskutiert (...), setzten sich jedoch letztlich nicht durch.
Auch Vorstellungen für eine defensive Ausrichtung der NATO-Strategie, wie sie in den 1980er Jahren diskutiert wurden (...), beinhalten Elemente einer großflächigen, guerillaartigen Verteidigung gegen eine Invasion durch sowjetische Panzerarmeen. In allen Fällen gehen die Konzeptionen jedoch nicht so weit wie Lemières Ansatz einer totalen Volksbewaffnung und durchorganisierten Guerillakriegführung durch die gesamte Bevölkerung auf dem kompletten Territorium des Landes. Vielmehr wurden lokal und regional verankerte, auf die Abnutzung des Aggressors durch permanente Kämpfe aus dem Hinterhalt heraus ausgerichtete Miliz- und/oder Armeeeinheiten in Form von ‚Jägerkompanien’, ‚Jagdkommandos’ etc. (...) in erster Linie als Unterstützung und Ergänzung der konventionellen Streitkräften gesehen, die etwa klassische mobile Gefechte führen oder bestimmte Räume oder Orte halten sollten – was bei Lemière durchaus ebenfalls die Aufgabe der regulären Streitkräfte ist, solange sie bestehen, aber nicht von entscheidender Bedeutung für den Sieg über den Angreifer (Rotte 2013). (...) Am ehesten entspricht wohl die 1809 (und mit Abwandlungen grundsätzlich bis 1918) gültige Tiroler Wehrverfassung (...) den Vorstellungen Lemières. (...)
Andere, nicht zeitgenössische Konzeptionen mit einer gewissen inhaltlichen Nähe zu Lemière sind die jugoslawische Territorialverteidigung (1969–1990) oder die chinesische Doktrin des Volkskrieges der Mao-Ära (1949–1979). Die jugoslawische Doktrin der Gesamtverteidigung auf der Basis der (regulären) Jugoslawischen Volksarmee und den (irregulären) Territorialverteidigungskräften wurde 1968 eingeführt, nachdem der Prager Frühling der Regierung Titos, der bereits 1948 mit der Führung der UdSSR gebrochen hatte, vor Augen geführt hatte, dass ein Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts mit herkömmlichen symmetrischen Mitteln kaum abzuwehren sein würde. Entsprechend griff man auf die Erfahrungen und Organisationsformen des Partisanenkriegs 1941–1944 mit ihren nach territorialen Grundsätzen lokal und regional basierten und ‚organisatorisch, psychologisch und verpflegungsmäßig an das Gelände oder an bestimmte Dörfer’ (...) gebundenen Abteilungen zurück, die gleichzeitig von einem landesweiten Generalstab operativ zentral geführt werden sollten. Im Ernstfall sollten alle Männer zwischen dem 16. und 65. sowie alle Frauen zwischen dem 18. und 55. Lebensjahr für die Landesverteidigung herangezogen werden können, nachdem sie bereits im Frieden umfangreich ausgebildet worden waren. (...) Eine Sonderform eines solchen Volkskrieges stellt wohl der von der albanischen Führung unter Enver Hodscha bis Anfang der 1980er Jahre verfolgte Ansatz dar, das gesamte Land mit Bunkern zu überziehen, von denen aus im Ernstfall die bewaffnete Bevölkerung einschließlich Kindern und Jugendlichen eine Invasionsarmee mit allen Mitteln bekämpfen sollte. Bis 1985 wurden schätzungsweise 750.000 dieser Bunker in ganz Albanien errichtet (...)“ (Rotte 2019: 227-231).
Die gegenwärtige Verteidigung der Ukraine steht offensichtlich in der Tradition dieser Ansätze und kommt mit ihrer zumindest partiellen konzeptionellen Vorbereitung bereits im Vorfeld der Invasion Lemières Vorstellungen wohl teilweise relativ nahe. Charakteristisch sind das Zusammenspiel von regulären Streitkräften, Milizen und Freiwilligen in einem Volkskrieg gegen die russischen Invasoren, die weitgehende Vermeidung symmetrischer Kämpfe und die Verwendung von Guerillataktiken auf der Basis der Weite des Landes, der Ortskenntnis und hohen Kampfmoral der Verteidiger und der logistischen Probleme der russischen Armee. Die taktische und strategisch-operative Vorbereitung und das faktisches Training für dieses Kriegsbild haben spätestens nach der Krim-Annexion 2014 und den negativen Erfahrungen der ukrainischen Armee in der direkten Konfrontation mit den materiell überlegenen Russen im Donbass 2015 begonnen. Zumindest bislang war diese Verteidigungskonzeption der ukrainischen Seite recht erfolgreich, nicht zuletzt deshalb, weil die russischen Streitkräfte anscheinend nicht darauf eingestellt waren und bislang auch keine völlig überzeugende Antwort darauf gefunden haben.
Letztlich nutzen die Ukrainer – und das könnte die zentrale Lehre für den Kampf mit modernen Armeen generell sein, wie sie auch aus den Erfahrungen in Afghanistan und dem Irak resultiert – die beiden zentralen Schwachpunkte hochtechnisierter, mechanisierter, feuerstarker und professioneller Streitkräfte aus: erstens die relativ geringe Zahl von verfügbaren Soldaten (v.a. Infanterie) im Verhältnis zum Kampf- und Besatzungsraum sowie zur zu kontrollierenden Bevölkerung; und zweitens ihre Abhängigkeit von einer funktionierenden Logistik, insbesondere, was die Versorgung mit Treibstoff, Munition und Verpflegung sowie die Unterstützung von Aufklärung und Kommunikation angeht. – Das Zusammenspiel beider Aspekte erklärt im Übrigen auch, dass sich die ukrainischen Städte entgegen der Vermutungen Lemières sehr wohl als großes Hindernis für den russischen Eroberungsfeldzug erwiesen haben: Den russischen Truppen fehlt es an Zahl und Mitteln, um Orte mit Hunderttausenden von Einwohnern zügig zu erobern. Was entsprechend bleibt, sind langwierige Belagerungen und die Zerstörung der Städte aus der Distanz. Ohne eine ähnliche Mobilisierung wie der Verteidiger hat der Angreifer keine Aussicht auf einen umfassenden Erfolg.
„Entsprechend äußert sich der neben von Clausewitz zweite führende Kriegs- und Strategietheoretiker des frühen 19. Jahrhunderts, Antoine Henri de Jomini, obschon Zeitgenosse Lemières, skeptisch gegenüber Ansätzen, die den Volkskrieg als Garanten einer abschreckungsbasierten Reduzierung der Wahrscheinlichkeit von Kriegen ansehen. Dabei bestreitet er keineswegs die ‚ungeheueren Hindernisse, welche ein Nationalkrieg einer Invasionsarmee entgegensetzt’ (de Jomini 1881, S. 38). Er konzediert vielmehr, dass ein rein militärischer Sieg gegen ein flächendeckendes Guerilla-System angesichts des dazu notwendigen Ressourcenaufwandes kaum zu erreichen wäre: ‚Keine Armee, so kriegsgewohnt sie auch sei, wäre im Stande mit Erfolg gegen ein solches System zu kämpfen, falls ein großes Volk es zu dem seinigen macht, es sei denn, dass sie stark genug wäre, alle wichtigen Punkte des Landes zu besetzen, ihre eigenen Verbindungen zu decken und außerdem noch genug Truppencorps zur Verfügung zu haben, um den Feind überall da, wo er sich zeigt, schlagen zu können’ (de Jomini 1881, S. 37).
Gleichwohl betont er, dass der Erfolg einer solchen nationalen Verteidigung davon abhängt, dass ‚man immer im Stande sein [müsste], den Bevölkerungen die Willenskraft einzuhauchen, die Waffen zu ergreifen, andererseits müsste man sicher sein, dass jetzt nur Eroberungskriege begonnen, und dass alle diese wohlbegründeten aber sekundären Kriege, welche nur die Behauptung des politischen Gleichgewichts und die Verteidigung öffentlicher Interessen zum Zweck haben, für immer verbannt würden. Welches andere Mittel könnte man finden, um den Anlass zu begründen zum Nationalkrieg aufzurufen? (...) [Denn wann sonst] würde es (...) geboten sein, die Erhebung der Bevölkerungen des Elsass, von Lothringen, der Champagne und der Bourgogne, der Männer, Weiber und Kinder ins Werk zu setzen? Aus jeder kleinen mit Mauern umgebenen Stadt ein Saragossa zu machen, und so als Wiedergeltung Mord, Brand und Plünderung über das ganze Land heraufzubeschwören?’ (de Jomini 1881, S. 39)“ (Rotte 2019: 233).
Damit ist auch der zentrale negative Aspekt einer guerillabasierten Volkskriegsstrategie oder einer Mischform aus konventioneller und Guerillakriegführung als nationale Verteidigungsstrategie angesprochen: die Notwendigkeit, einen mehr oder weniger fanatischen Widerstandsgeist trotz zu erwartender immenser Opfer und Leiden, auch und vor allem unter der Zivilbevölkerung, aufrechtzuerhalten, und die damit verbundene Tendenz zur Eskalation und Brutalisierung des Krieges von beiden Seiten. Beides ist in Form von ideologischer Überhöhung des Konflikts, zunehmend hasserfüllter Propaganda und Desinformation, flächendeckender Zerstörung, massiven Fluchtbewegungen sowie Kriegsverbrechen ebenfalls gegenwärtig in der Ukraine zu beobachten.
Literatur:
von Clausewitz, Carl (1970): Volksbewaffnung. In: J. Schickel (Hg.), Guerilleros, Partisanen – Theorie und Praxis 2, München (Carl Hanser): 88-97 (Erstveröffentlichung 1832/34).
de Jomini, Antoine Henri (1881): Abriss der Kriegskunst. Berlin: Richard Wilhelmi (Erstveröffentlichung 1837).
Lemière de Corvey, Jean-Philippe-Auguste (1823): Des partisans et des corps irrégulières. Paris: Anselin et Pochard.
Rotte, Ralph. 2013. Lemière (Le Mière) de Corvey, Jean-Philippe-Auguste. In: D. Coetzee/L. W. Esturlid (Hg.), Philosophers of war. The evolution of history’s greatest military thinkers, vol. 2, Westport (Praeger): 351–353.