Pakistans Belutschistan-Problem

Vor rund neun Monaten, im Mai 2025, hat, von der hiesigen Öffentlichkeit praktisch unbemerkt, die Befreiungsbewegung für Belutschistan in Gestalt ihres Sprechers, Mir Ya Baloch, die Unabhängigkeit der Provinz Belutschistan von Pakistan proklamiert. Seitdem hat sich der jahrzehntelange gewaltsame Widerstand gegen die pakistanische Regierung in der Provinz Balochistan nochmals deutlich verstärkt, bis hin zur jüngsten „Operation Herof 2.0“ Ende Januar 2026, einer Angriffswelle der Separatisten auf 12 Einrichtungen der pakistanischen Sicherheitskräfte und Verwaltung in der mit mindestens 125 Todesopfern.

Belutschistan (Balochistan) ist eine der an den Indischen Ozean grenzenden südlichen und die zugleich flächenmäßig größte (347.000 Quadratkilometer) und mit knapp 15 Mio. Einwohnern am wenigsten dicht besiedelte, ärmste Provinz Pakistans, Rund 40% der Bevölkerung sind nach offiziellen Angaben Belutschen; etwa 58% sind Analphabeten. Die Armutsquote liegt bei 70% (gegenüber einem pakistanischen Durchschnitt von knapp 40%). Zugleich weist die Region umfangreiche mineralische Rohstoffreserven auf, insbesondere Eisenerz, Kupfer, Gold, Silber, Blei, Zink Baryt (Bariumsulfat), Chrom, Gips, Kalkstein (Marmor) und Siliziumsande. Außerdem ist Belutschistan innerhalb Pakistans ein zentraler Lieferant von Kohle und Erdgas.

Historischer Hintergrund des Konflikts ist die bis heute umstrittene Einverleibung der Region in den neu gegründeten pakistanischen Staat 1948. Das muslimische Fürstentum Kalat entstand im Laufe des 17. Jahrhunderts und wurde 1876 offiziell ein britisches Protektorat. Dabei bewahrte es trotz Gebietsabtretungen ein hohes Maß an Autonomie, welches das der meisten anderen Fürstenstaaten Britisch-Indiens übertraf. Entsprechend dem vom britischen Parlament erlassenen Indian Independence Act von 1947 wurden mit der Beendigung der britischen Suzeränität über die indischen Staaten letztere wieder unabhängig und sollten auf der Basis des Government of India Act von 1935 durch eine entsprechende Erklärung (Instrument of Accession) einem der beiden neuen Dominions beitreten, konnten aber bei Unterlassung einer solchen Erklärung zumindest vorläufig unabhängig bleiben, so wie es beispielsweise auch Kaschmir zunächst tat.

Der Herrscher von Kalat wählte mit Zustimmung des Parlaments des Fürstentums im August 1947 ebenfalls die Unabhängigkeit, welche von Pakistan auch kurzzeitig anerkannt wurde, und bemühte sich nach dem Muster der ehemaligen kolonialen Grenzen der Provinz Belutschistan um einen Zusammenschluss mit den Nachbarstaaten Kharan, Makran und Las Bela, welcher ebenfalls zunächst von Pakistan befürwortet, später aber abgelehnt wurde. Stattdessen berief sich die pakistanische Führung in der Folge auf einen Beschluss der Shahi Jirga (Versammlung der Stammesältesten) Belutschistans, welche sich Mitte 1947 (ohne Beteiligung Kalats) klar für einen Beitritt zu Pakistan ausgesprochen hatte. Unter Ausnutzung innerer Spannungen in Kalat, u.a. wegen der propakistanischen Haltung der meisten lokalen Anführer und Abspaltungstendenzen in den übrigen belutschischen Landesteilen, marschierte die pakistanische Armee schließlich im März 1948 in Kalat ein und zwang den Fürsten zur Zustimmung zum Beitritt zu Pakistan. Zuvor hatte die britische Seite eine militärische Unterstützung Kalats im Rahmen des Commonwealth, etwa in Form von Waffenlieferungen, abgelehnt. 

Aus der Sicht der belutschischen Separatisten war der Anschluss Kalats an Pakistan entsprechend illegitim, was zu wiederholten Unruhen und bewaffneten Aufständen gegen die pakistanische Regierung in der 1970 offiziell errichteten Provinz Balochistan geführt hat, insbesondere 1948, 1958/59, 1962/63, 1974-77 und seit ca. 2005. Anfang der 2000er Jahre schlossen sich verschiedene Widerstandsgruppen zur Balochistan Liberation Army (BLA) zusammen und nahmen den Kampf gegen die pakistanischen Sicherheitskräfte in der Provinz auf, insbesondere in Form von Attentaten, Guerillaüberfällen und Geiselnahmen, denen auf pakistanischer Seite umfangreiche Polizei-, Geheimdienst- und Militäroperationen unter teilweise massiven Menschenrechtsverletzungen unter dem Hinweis der Terrorbekämpfung gegenüberstehen, inklusive illegaler Hinrichtungen. So töteten BLA-Kämpfer etwa im August 2025 vier Soldaten und den angeblichen Anführer einer pakistanischen Todesschwadron zur Terrorisierung der Bevölkerung. Im März 2025 wurden Hunderte Passagiere (Zivilisten und Militärs) eines Zuges als Geiseln genommen; bei der anschließenden Belagerung und Befreiung durch pakistanische Spezialkräfte kamen über 60 Menschen um. 

Mittlerweile werden die BLA und andere Gruppierungen nicht nur von von Pakistan, China, dem Iran oder den USA, sondern auch vom UK und von der EU als Terrororganisation eingestuft. Das in Neu-Delhi ansässige South Asia Terrorism Portal verzeichnet für Belutschistan über 20 verschiedene islamistische und separatistische Terrorgruppen, die mittlerweile beide nicht nur gegen die pakistanische Regierung kämpfen, sondern auch Anschläge auf Chinesen verüben. Die pakistanische Antwort auf die jüngsten Anschläge und Überfälle ist eine neuerliche Intensivierung der militärischen und geheimdienstlichen Bekämpfung der Separatisten. Ob dies angesichts einer mittlerweile immer effektiver und stärker auch quasi-konventionell agierenden sowie zunehmend auch von der gebildeteren Mittelschicht unterstützten Widerstandsbewegung Erfolg haben wird, ist offen. 

Besondere Brisanz erhält der Belutschistan-Konflikt durch die Verbindung der Unabhängigkeitsfrage mit dem Streit um wichtige Ressourcen und die Involvierung externer Akteure:

1. Dem „Erzfeind“ Indien wird von Seiten Pakistans naturgemäß immer wieder vorgeworfen, die BLA zu unterstützen, was die indische Regierung stets verneint hat und stattdessen auf die Menschrechtslage und die Rechte der Belutschen verweist. Tatsächlich haben die belutschischen Separatisten wiederholt um indische Unterstützung gebeten, nicht zuletzt im Zuge der Unabhängigkeitserklärung von 2025, welche wohl nicht zufällig in zeitlicher Nähe zur militärischen Eskalation der indischen „Operation Sindoor“ gegen pakistanische Militärstützpunkte erfolgte. Trotz der indischen Dementis steht wohl außer Frage, dass die separatistischen Aufstände und die damit verbundene Schwächung Pakistans (solange es nicht völlig im Chaos versinkt) bzw. Belastung seiner Verbindungen zu China durchaus im strategischen Interesse Indiens ist, welches sich von einer chinesisch-pakistanischen Einkreisungspolitik bedroht sieht und vehement an Gegenmaßnahmen arbeitet. Nationalistische Medien in Indien prangern zudem immer wieder die Menschenrechtsverletzungen der pakistanischen Sicherheitskräfte gegen belutschische Bürgerinnen und Bürger an, um das pakistanische Regime zu diskreditieren.

2. China hat in der Region neben der strategischen Partnerschaft mit Pakistan als Gegengewicht zu Indien vor allem wirtschaftliche Interessen. Durch Belutschistan verläuft der China-Pakistan-Wirtschaftskorridor (CPEC) der Belt and Road-Initiative (BRI) mit umfangreichen Infrastrukturprojekten zwischen Xinjiang und dem Zielpunkt des Hafens von Gwadar. Nach Angaben der pakistanischen Regierung wurden bislang allein für den Ausbau der Energie- und Transportinfrastruktur im CPEC über 43 Mrd. US-Dollar aufgewendet, außerdem fast 800 Mio. für den Hafen von Gwadar. Für Pakistans Wirtschaft sind diese Investitionen und die geoökonomische Position des Landes in der BRI von zentraler Bedeutung und die Unruhe in Belutschistan entsprechend auch ökonomisch bedrohlich. Für China ist die Kontrolle des CPEC essentiell für die Machtprojektion in den westlichen Indik (Arabisches Meer) und wird deshalb schon als „Chinas Achillesferse“ bezeichnet. Obwohl sich die chinesische Führung nicht zuletzt angesichts chinesischer Terroropfer offiziell stets hinter die pakistanische Regierung gestellt hat und vertiefte Sicherheitsbeziehungen – bis hin zur Ausbildung pakistanischer Kräfte in Xinjiang – vorantreibt, dürften die Pakistanis zunehmend unter Druck aus Beijing geraten, wenn es nicht gelingt, dem Belutschistan-Problem durch Repression Herr zu werden. Nach einem etwaigen Scheitern einer weiteren Konflikteskalation könnten daher durchaus chinesische Forderungen nach Verhandlungen mit den Aufständischen und damit eine weitere Erosion der Machtposition der pakistanischen Zentralregierung die Folge sein. Damit sieht sich die chinesische Führung mit ihrem Hauptziel der Sicherung des CPEC potenziell einem sehr schwierigen Balanceakt zwischen einer möglichen Destabilisierung des pakistanischen Partners durch übermäßige Gewaltanwendung auf der einen und zu großes Entgegenkommen gegenüber den Separatisten auf der anderen Seite gegenüber.

3. Die USA haben unter der Trump-Administration ein Auge auf die Rohstoffvorkommen Belutschistans geworfen und entsprechende Investitionsabkommen mit Pakistan geschlossen. Die andauernde und zunehmende Gewalt in der Region gefährdet die wirtschaftliche Umsetzung diese Initiativen ebenso wie die damit verbundene Stärkung der US-Position in der geopolitischen und -ökonomischen Konkurrenz zu China. Entsprechend unterstützen die Vereinigten Staaten zwar die pakistanische Regierung in ihrem Kampf gegen den Terrorismus, befinden sich aber damit in der eigentümlichen Situation, praktisch auf der gleichen Seite wie der Rivale China zu sein. Bei der Unberechenbarkeit der Trump-Regierung ist selbst eine militärische Involvierung der USA wohl nicht endgültig auszuschließen.

4. Pakistan wirft dem Taliban-Regime in Afghanistan vor, islamistische Terrororganisationen wie den Islamischen Staat oder die Tehrik-i-Taliban Pakistan und deren Terroranschläge gegen Schiiten in Pakistan zu unterstützen. Gleiches gilt etwa für die BLA in Belutschistan. Seit der Rückkehr der Taliban an die Macht 2021 sind deshalb Gefechte zwischen beiden Seiten quasi an der Tagesordnung, sodass sich beide Länder praktisch im Kriegszustand befinden.

5. Auch der Iran hat in seiner Provinz Sistan-Belutschistan ein Problem mit belutschischem Separatismus, dessen führende militante Organisation, die sunnitische Jaish al-Adl, sich mittlerweile zu einem Teil der iranischen Opposition erklärt hat. Das Grenzgebiet ist ein wichtiger Rückzugsraum für belutschische Widerstandsgruppen, welche dank der unübersichtlichen und nicht effektiv zu kontrollierenden Grenze Anschläge vorbereiten und sich regenerieren können. Pakistan und der Iran werfen sich daher gegenseitig vor, den belutschischen Terrorismus zu unterstützen und die nationale Sicherheit des anderen zu gefährden, was auch bereits zu militärischen Konfrontationen geführt hat. Die iranische Führung sieht außerdem möglicherweise die Kontrolle der eigenen Provinz Belutschistan zusätzlich dadurch gefährdet, dass dort zunehmende Wasserknappheit herrscht, was seinerseits bereits zu Verteilungskonflikten mit Afghanistan geführt hat.

Mittlerweile scheint es so zu sein, dass die pakistanische Führung zudem auch die Vereinigten Arabischen Emirate oder Israel verdächtigt, ein Interesse an einer Destabilisierung Pakistans und der Sabotage des CPEC sowie des Hafens von Gwadar zu haben. Zusammen mit der konfliktreichen internationalen Konstellation mit der Involvierung der Terrorismussponsoren Iran und Afghanistan, der konkurrierenden Großmächte China, USA und Indien sowie der zunehmenden, noch stärkeren Re-Militarisierung der pakistanischen Politik lässt dies für die Stabilität der Region nichts Gutes erwarten, von einer echten Lösung des Separatismusproblems mit seinen gravierenden Menschenrechtsaspekten ganz zu schweigen.

  

Literatur/Links

Issar, Pravir (2024): Changing contours of conflict in Balochistan – Insurgency in the fifth phase, 2005 till present. International Journal for Multidisciplinary Research, Review and Studies 1 (2); https://ijmrrs.com/wp-content/uploads/2025/01/Insurgency-In-Balochistan-during-the-fifth-phase-4-21.pdf .

Routray, Bibhu Prasad (2022): Baloch Insurgency: Pakistan’s Moment of Reckoning. ISPSW (Berlin) Strategy Series: Focus on Defense and International Security, No. 840, May 2022; https://www.ispsw.com/wp-content/uploads/2022/05/840_Routray.pdf

Verma, Ayush/Baloch, Imtiaz/Valle, Riccardo (2025): The Baloch Insurgency in Pakistan: Evolution, Tactics, and Regional Security Implications. CTC Sentinel (Westpoint), April 2025: 27-40; https://ctc.westpoint.edu/wp-content/uploads/2025/04/CTC-SENTINEL-042025_article-3.pdf .

Wani, Shakoor Ahmad (2021): The Baloch Insurgency in Pakistan and the Chinese Connection. Kulturní studia 17 (2): 82-99; https://kulturnistudia.cz/wp-content/uploads/2021/11/The-Baloch-Insurgency-Wani.pdf .