Trumps "Corollary" in Aktion

Mit der neuen U.S. National Security Strategy hat die US-Führung bekanntlich ein als „Trump Corollary“ bezeichnetes Revival des „Roosevelt Corollary“ von 1904 zur Monroe-Doktin (von 1823) proklamiert:

„We want to ensure that the Western Hemisphere remains reasonably stable and well-governed enough to prevent and discourage mass migration to the United States; we want a Hemisphere whose governments cooperate with us against narco-terrorists, cartels, and other transnational criminal organizations; we want a Hemisphere that remains free of hostile foreign incursion or ownership of key assets, and that supports critical supply chains; and we want to ensure our continued access to key strategic locations. In other words, we will assert and enforce a ‘Trump Corollary‘ to the Monroe Doctrine (...). (...) After years of neglect, the United States will reassert and enforce the Monroe Doctrine to restore American preeminence in the Western Hemisphere, and to protect our homeland and our access to key geographies throughout the region. We will deny non-Hemispheric competitors the ability to position forces or other threatening capabilities, or to own or control strategically vital assets, in our Hemisphere. This ‘Trump Corollary‘ to the Monroe Doctrine is a common-sense and potent restoration of American power and priorities, consistent with American security interests. (...) We will enlist established friends in the Hemisphere to control migration, stop drug flows, and strengthen stability and security on land and sea. We will expand by cultivating and strengthening new partners while bolstering our own nation’s appeal as the Hemisphere’s economic and security partner of choice. (...) American policy should focus on enlisting regional champions that can help create tolerable stability in the region, even beyond those partners’ borders. These nations would help us stop illegal and destabilizing migration, neutralize cartels, near- shore manufacturing, and develop local private economies, among other things. We will reward and encourage the region’s governments, political parties, and movements broadly aligned with our principles and strategy. (...) The United States must be preeminent in the Western Hemisphere as a condition of our security and prosperity—a condition that allows us to assert ourselves confidently where and when we need to in the region. The terms of our alliances, and the terms upon which we provide any kind of aid, must be contingent on winding down adversarial outside influence—from control of military installations, ports, and key infrastructure to the purchase of strategic assets broadly defined.“

Nach monatelangem militärischem Aufmarsch vor der Küste Venezuelas und der Vorbereitung der öffentlichen Meinung, insbesondere der gegenüber Militärinterventionen im Ausland ausgesprochen skeptischen MAGA-Basis, durch die wiederholte (wohl völkerrechtswidrige) Versenkung angeblicher venezolanischer Drogenboote in der Karibik, hat die Trump-Administration ihre Ankündigung wahr gemacht und ist militärisch gegen das venezolanische Regime vorgegangen, ganz im Sinne des ursprünglichen Roosevelt Corollary, wonach „chronic wrongdoing, or an impotence which results in a general loosening of the ties of civilized society, may in America, as elsewhere, ultimately require intervention by some civilized nation, and in the Western Hemisphere the adherence of the United States to the Monroe Doctrine may force the United States, however reluctantly, in flagrant cases of such wrongdoing or impotence, to the exercise of an international police power.“

Nach jetzigem Stand dienten die teilweise Ausschaltung, Einschüchterung und Ablenkung der venezolanischen Streitkräfte durch Luftangriffe in verschiedenen Teilen des Landes in der Nacht vom 2. auf den 3. Januar und die Entführung Präsident Nicolas Maduros durch US-Spezialeinheiten der Vorbereitung eines Regime Change, d.h. der beabsichtigten Machtübernahme durch einen der USA genehmen Kandidaten – etwa den in den umstrittenen Präsidentschaftswahlen von 2024 offiziell unterlegenen und von den USA und anderen westlichen Staaten anerkannten, im spanischen Exil lebenden Oppositionspolitiker Edmondo González Urrutia oder den 2025 verhafteten Oppositionsführer Juan Pablo Guanipa – nach einem erhofften Kollaps des neobolivaristischen Regimes.

Folgt man den explizit ausgeführten Absichten der NSS von 2025, so kann man davon ausgehen, dass es der Trump-Aministration mit der militärischen Intervention nicht um die Wiederherstellung der venezolanischen Demokratie oder die Bewahrung der Menschenrechte ging, sondern in erster Linie um drei Dinge:

1. die Vorbereitung lukrativer „Deals“ für US-Firmen mit einer neuen, kooperativen Regierung in Caracas, nicht zuletzt angesichts des Investitionsbedarfs der maroden venezolanischen Ölindustrie und der großen Erdölreserven des Landes, ganz im Sinne der NSS, wonach es das Ziel ist „for our partner nations to build up their domestic economies, while an economically stronger and more sophisticated Western Hemisphere becomes an increasingly attractive market for American commerce and investment“;

2. die Warnung an andere aus US-Sicht unbotmäßige Regierungen in der Region (oder wie es in der NSS heißt, „governments with different outlooks with whom we nonetheless share interests and who want to work with us“), etwa in Kolumbien mit seinem linksgerichteten Präsidenten Gustavo Petro, sich insbesondere den Geschäftsinteressen der Vereinigten Staaten gegenüber offen zu zeigen; sowie

3. die Botschaft an externe Akteure, insbesondere an China, welches sich als wirtschaftliche und finanzpolitische Konkurrenz zu den USA in Lateinamerika positioniert hat, aber auch an Russland, das vor kurzem noch vollmundig zugesagt hatte, das venezolanische Regime zu unterstützen, die westliche Hemisphäre als Raum US-amerikanischer Vorherrschaft zu respektieren, getreu der Maßgabe der NSS, wonach die „United States must be preeminent in the Western Hemisphere as a condition of our security and prosperity—a condition that allows us to assert ourselves confidently where and when we need to in the region. (...) The United States has achieved success in rolling back outside influence in the Western Hemisphere by demonstrating, with specificity, how many hidden costs—in espionage, cybersecurity, debt-traps, and other ways—are embedded in allegedly ‘low cost‘ foreign assistance. We should accelerate these efforts, including by utilizing U.S. leverage in finance and technology to induce countries to reject such assistance. (...) The choice all countries should face is whether they want to live in an American-led world of sovereign countries and free economies or in a parallel one in which they are influenced by countries on the other side of the world.“ 

Ergänzend gehört sicherlich auch das innenpolitische Ziel Trumps dazu, sich vor den in diesem Jahr anstehenden Mid-Term-Wahlen zum Kongress als starker Mann und Beschützer der US-Bevölkerung vor ausländischen Terroristen und Drogenhändlern (sowie als Förderer von US-Wirtschaftsinteressen) zu gerieren. (Für die eigene Seite verlustlose oder -arme) militärische Erfolge sind in den USA dafür allemal ein brauchbares Instrument, auch wenn im vorliegenden Fall rechtliche Bedenken im Hinblick auf etwaig verletzte Rechte des Kongresses bezüglich der Autorisierung von Militärschlägen bestehen. Allerdings ist der Streit um die „War Powers“ zwischen Kongress und Präsident ein langanhaltender Streit um die Auslegung der Verfassung, und im Dezember scheiterte ein parteiübergreifender Antrag zur Beschränkung der diesbezüglichen Rechte Trumps, Venezuela anzugreifen, knapp im Repräsentantenhaus. Dass die Angriffe gegen das völkerrechtliche ius ad bellum verstoßen, scheint hingegen evident. 

Unabhängig von der rechtlichen und ethischen Einordnung bleibt abzuwarten, ob der intendierte Regimewechsel tatsächlich so eintritt wie von der US-Führung erhofft bzw. ob aus einem solchen tatsächlich die erstrebten Vorteile resultieren. Die empirische Erfahrung bisheriger militärischer Versuche zum Regime Change von außen seit dem Kalten Krieg fördert diesbezüglich eher deutliche Skepsis. Was jedoch bereits jetzt schon sicher sein dürfte, ist, dass das historisch bedingte, verbreitete Misstrauen in Lateinamerika gegenüber den Vereinigten Staaten weiter zunehmen dürfte, und dass die regelbasierte internationale Ordnung, welche vor allem die Europäer stets so hoch halten, endgültig passé ist: Mit der fadenscheinigen Begründung der Bekämpfung des Drogenhandels und der Strafverfolgung bzw. Vollstreckung eines US-Haftbefehls mit militärischen Mitteln im Ausland priorisiert die Trump-Administration nationale Interessen und innerstaatliches Recht gegenüber internationalen Normen und Völkerrecht, ohne dass es – wie etwa im Fall der Kosovo-Intervention der NATO 1999 – zumindest legitimierende Entschuldigungsgründe für der Verstoß gegen die Charta der Vereinten Nationen gäbe. Damit sitzt Trump quasi im gleichen Boot wie Vladimir Putin mit seiner verlautbarten ursprünglichen Absicht, 2022 eine verbrecherische, weil angeblich neonazistische Regierung in Kiew mit militärischen Mitteln zu stürzen.

   

Literatur/Links

Downes, Alexander B./O'Rourke, Lindsey A. (2016): You Can't Always Get What You Want: Why Foreign-Imposed Regime Change Seldom Improves Interstate Relations. International Security 41 (2): 43-89; https://www.jstor.org/stable/24916749?seq=1.  

Owen, John M./Herbert, Roger G. (2015): Intervention and Regime Change. In: R. Scott/S. Kosslyn (Hg.), Emerging Trends in the Social and Behavioral Sciences, New York (John Wiley & Sons); https://emergingtrends.stanford.edu/files/original/015309eb7931c6d2ea61d6db48dab11c2c2c90e4.pdf

Walzer, Michael (2006): Regime Change and Just War. Dissent, Summer 2006: 103-108; https://www.ias.edu/sites/default/files/sss/pdfs/Walzer/RegimeChange.pdf.