Wehrpflichtdebatte und Kriegsbild
Neben einigen grundsätzlichen Einwänden, etwa wie der Furcht vor einer rechten Militarisierung der deutschen Gesellschaft, der mangelnden Verbindung der Jugend zum bestehenden kaptalistischen und zunehmend gerontokratischen Staat oder dem Vorwurf, die „Alten“ würden die „Jungen“ in den Krieg schicken, ohne selbst betroffen zu sein – wobei nebenbei gesagt, häufig vergessen wird, dass viele dieser Alten bereits während des Kalten Krieges ihren Dienst abgeleistet haben – betrifft ein wesentlicher Aspekt der gegenwärtigen Debatte um die Wehrpflicht und ihre Ablehnung das Bild, das man sich von einem zukünftigen Krieg in Europa unter deutscher Beteiligung macht. Allzu häufig erinnern Debattenbeiträge an Vorstellungen und Bilder aus den beiden Weltkriegen.
Tatsächlich kann man aber wohl realistischerweise davon ausgehen, dass angesichts der technologischen Entwicklungen und des NATO-Kontexts tatsächlich nur ein kleinerer Teil der Bundeswehr im Ernstfall unmittelbar an „der Front“ im Osten kämpfen müsste. Natürlich müssten die Kräfte in Litauen aufgestockt, Verluste ausgeglichen und die unmittelbar betroffenen Verbündeten unterstützt werden. Aber wenn man davon ausgeht, dass es Russland eben nicht darum geht, einen totalen Krieg gegen die doch deutlich größere NATO oder EU zu führen, sondern sie durch gezielte und begrenzte Militäraktionen zu schwächen, ihre Uneinigkeit zu nutzen und sie so letztlich politisch zu sprengen, dann geht es nicht um ein Kriegsbild nach dem Muster der Massenschlächterei von 1914-18 oder 1939-45.
Zugleich dürfen wir nicht meinen, dass mit ein paar Drohnenpiloten und Spezialkräften ein solcher Konflikt zu bestehen wäre, dafür ist die potenzielle Größenordnung und der Bedarf an "Boots on the ground" dann doch zu hoch, wie der Ukraine-Krieg oder auch der Gaza-Krieg zeigt. Allerdings wäre es ja eine NATO-/EU-Sache und ein großer Teil dieser notwendigen Truppen würde wohl aus den unmittelbar betroffenen Ländern (Polen!) kommen.
Ganz abgesehen davon besteht heutzutage eine moderne westliche Armee ohnehin in der Masse aus Soldaten, die ein relativ kleine Kampftruppe mit allem versorgt, was sie braucht. Grob geschätzt beträgt das "tooth to tail ratio" ohnehin rund 1:3, d.h. rund drei Viertel einer Armee besteht aus Unterstützungseinheiten (Versorgung, Verpflegung, technische Hilfe etc.) und nur ein Viertel aus Kampf- und Kampfunterstützungstruppen, also etwa Infanterie und Panzern bzw. Artillerie etc.). Reine Kampftruppen zu also "Frontsoldaten" machen nur etwa ein gutes Sechstel oder gar nur ein Achtel des Personals westlicher Armeen aus.
In einem solchen Konfliktszenario und gemäß dem Operationsplan Deutschland ist die deutsche Hauptaufgabe die Sicherstellung der Bündnislogistik als zentrale Drehscheibe für Nachschub und Verstärkungen, die aus Westeuropa, dem UK und Übersee nach Osteuropa transportiert werden müssen. Das führt zu Aufgaben in der Sicherung von Verkehrwegen und Versorgungseinrichtungen, auch sonstiger kritischer Infrastruktur zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und Versorgung der Zivilbevölkerung, was Sache des Heimatschutzes und der Polizei sowie der Cyberabwehr (Hackerangriffe gegen KRITIS) und der Luftabwehr (Drohnen-, Marschflugkörper- und Raketenangriffe) wäre. Außerdem Versorgung der verbündeten Truppen und der Zivilbevölkerung (Sanitâtswesen, Verpflegung, Instandhaltung), wo Sanitäter, Rotes Kreuz, THW, Pioniere etc. zum Einsatz kommen müssten.
Und dann ist da noch die eigene Transportlogistik, also so profan erscheinende Sachen wie LKW-Fahren u.ä., was angesichts des maroden Zustands der Bahn (Mangel an Flachwaggons für schweres Gerät, wenig belastbare Geleise, Brücken etc.) und ihrer Anfälligkeit für Sabotage und Beschuss wahrscheinlich ein Hauptelement der Aufgabe wäre. Im Ernstfall würde wahrscheinlicher die Zahl der doch zu großen Teilen osteuropäischen Fernfahrer wegfallen (eigener Kriegsdienst in den Heimatländern, Fragen der Weisungsbefugnis deutscher Behörden gegenüber ausländischen Zivilisten, Fragen des Versicherungsschutzes für private Fuhrunternehmer im Dienst für das Militär etc ). Nachdem das ein heilloses Durcheinander geben kann liegt es etwa nahe, dies von Wehrpflichtigen mit entsprechender Ausbildung (LKW-Führerschein!) erledigen zu lassen, die gleichzeitig in eine klaren Befehlsstruktur eingebettet sind da was die Organisation erleichtert.
Eine Wehrpflicht bezieht sich entsprechend v.a. auf Aufgaben im Hinterland, während die eigentlichen Kampfaufgaben wohl i.e.L. von (auch besser ausgebildeten und einsatzbereiten) Freiwilligen getragen werden würden. Damit sind wir bei der Form der Wehrpflicht, die wie früher neben dem Dienst bei der Bundeswehr und dem Zivildienst auch Alternativen wie den Dienst bei Polizei, Feuerwehr, THW, Rotem Kreuz etc. vorsehen müsste (Stichwort Sicherheit und "Kriegstüchtigkeit" zur Kriegsvermeidung durch Abschreckung als Aufgabe gesamtgesellschaftlichen Resilienz). Kurz gesagt: Die Wehrpflicht ist wahrscheinlich notwendig, weil für die Erfüllung der militärischen/Verteidigungsaufgaben i.w.S. eine Menge an Personal gebraucht wird, von dem man sich nicht wirklich vorstellen kann, dass sie durch freiwillige Verpflichtung zu decken ist. Und eine solche Dienstpflicht schwerpunktmäßig über die Bundeswehr abzuwickeln liegt aus organisatorischen Gründen ebenso nahe wie die Schaffung einer abschreckungswirksamen Rückfallposition mit möglichst vielen Reservisten mit militärischer Grundausbildung.
Literatur/Links
ASW Bundesverband (Hg.) (2025): [SICHER:] DAS MAGAZIN 1/2025, Sonderheft – Operationsplan Deutschland; https://www.vsw-bundesverband.de/wp-content/uploads/Sicher-Sonderheft-Operationsplan-Deutschland-k.pdf .
Gebicke, Scott/Magid, Samuel (2010): Lessons from around the world: Benchmarking performance in defense. San Francisco, Kopenhagen: McKinsey & Co.; https://nation.time.com/wp-content/uploads/sites/8/2012/12/mog_benchmarking_v9.pdf .
Ti, Ronald/Kinsey, Christopher (2023): Lessons from the Russo-Ukrainian conflict: The primacy of logistics over strategy. Defence Studies 23 (3): 381-398; https://doi.org/10.1080/14702436.2023.2238613 .
Zentrum für ethische Bildung in den Streitkräften – zebis (Hg.) (2024): Ethik und Militär. Kontroversen in Militärethik und Sicherheitspolitik 02/2024: Kriegstüchtig, wehrhaft – und friedensfähig?; https://www.ethikundmilitaer.de/fileadmin/ethik_und_militaer/Ethik-und-Militaer-2024-2.pdf .