Totgeburt NATO 3.0

Mit seinem Rundumschlag gegen die europäischen Verbündeten auf dem Treffen der NATO-Verteidigungsminister am 18. Juni hat US-Verteidigungsminister Pete Hegseth nochmals ganz klar die Geringschätzung der US-Administration für die Alliierten unterstrichen, denen – im transatlantischen Kontext durchaus nicht nur erst mit den Trump-Administrationen verbunden – Trittbrettfahren auf Kosten der USA nach dem Ende des Kalten Krieges und – tatsächlich MAGA-typisch – Wokeness und Verweichlichung vorgeworfen wird: „NATO's power did not come from committees or from meetings or from small flags on fancy tables, it came from warriors, and for Europe's defense, it had come from NATO allies. That was NATO 1.0, a hard-edged war fighting organization, folk to focused on Europe's defense, but that spirit faded after the Cold War ended. No longer focused on defending Europe. NATO 2.0 drifted toward out-of-area operations and things that had nothing to do with war fighting at all. Instead of tanks and fighters and air defenses, the focus had been on gender equity and climate change and defense austerity. Europe's borders flew wide open, welfare states expanded, defense budgets cratered, along with Europe's belief in itself and its civilization. NATO lost its way. NATO 2.0 was an era of distraction, deindustrialization, and demilitarization. It was an era of free riding and those were lost years that we're not going back to.“  

Konsequenterweise prangerte er die seiner Meinung nach, trotz Erfolgen etwa bei der Unterstützung der Ukraine, noch immer unzureichenden Anstrengungen einiger Bündnispartner an, die Verteidigungsfähigkeit zu stärken und nannte die Weigerung verschiedener Allianzmitglieder, die USA beim Krieg gegen den Iran zu unterstützen „shameful“: „There's no excuse for that, and that's not to mention the fact that some countries have yet to show a credible path to meeting their Hague commitments. Too much talk, some of NATO's largest economies, some of the richest countries, allies that are happiest to go on about the rules-based international order and middle powers banding together, still seem to think the era of free riding is here. Eisenhower and Trump disagree. This isn't what the president or America expects from this alliance. This is not what any reasonable person would expect, and it's not going to cut it anymore.“

Entsprechend kündigte Hegseth eine umfassende Prüfung der Stationierungen und Verpflichtungen der US-Streitkräfte in Europa vor dem Hintergrund der europäischen Beiträge (oder Versäumnisse) an, nachdem das U.S. European Command bereits Anfang Juni angekündigt hatte, die US-Beiträge zum New Force Model der NATO zu überprüfen, denn: „There has been an unhealthy co-dependence in the NATO Force Model on U.S. forces“, so der Befehlshaber von USEUCOM, Gen. Alexus G. Grynkewich. Zweck der Übung ist die Realisierung eines Modells „NATO 3.0“, mit dem Ziel laut Hegseth „to return the alliance to its roots as a military alliance, and ensure that it has the European strength required to sustainably deter aggression, and if need be, make good on Article Five.“

Dass die Europäer die unverhohlenen Drohungen der USA, zur Kenntnis nehmen und mittlerweile sogar – trotz der bleibenden Hoffnung, das NATO-Bashing der Trump-Administration möge nur ein ephemeres Phänomen bleiben – ernst nehmen, zeigt sich in einer Rede von EU-Verteidigungskommissarin Andrius Kubilius vom 23. Juni: „In his speech last week, Secretary of War Pete Hegseth called for a NATO 3.0, built on the NATO 1.0 type obligations of Member States, that won the Cold War, followed by the Post Cold War NATO 2.0, when Europeans decided that we can enjoy ‘peace dividend‘, since the Americans alone will defend Europe. It's obvious - we need NATO 3.0. Secretary Hegseth asked for Europeans to be ‘in the lead‘ on conventional defence of the continent. This is NATO 3.0. (...) And what this means is that America will move capabilities, especially ‘material‘ capabilities to other parts of the world. And we have to be prepared. This could not be at some distant time in the future. It could be soon. We are now faced with an urgent challenge to replace American strategic enablers and heavy weaponry. We need to remember, that Europe very heavily depends now on the Americans for strategic enablers like air to air refuelling, space based intelligence. Without such capabilities we will be weaker in our defence, weaker in our deterrence. If we don't fill these capabilities, that could be an open invitation for Putin to test us.“ 

1. Die US-Abkehr von Europa zugunsten einer Konzentration der eigenen militärischen Fähigkeiten auf einen Konflikt mit China verrät, dass sich die Vereinigten Staaten endgültig von der nach dem Kalten Krieg etablierten Richtschnur, zwei größere Kriege parallel führen zu können, verabschiedet haben. Oder wie es die US Defense Strategy vom Januar 2026 es ausdrückt: „(...) although we are and will remain engaged in Europe, we must—and will—prioritize defending the U.S. Homeland and deterring China.“ Dies ist aber jenseits der Großsprecherei des US-Präsidenten und seines „Kriegsministers“ nichts anderes als die faktische Anerkennung einer relativen Schwächung der USA im globalen Kontext.

2. Zusätzlich zeigt die Erfahrung des Krieges gegen den Iran nicht nur, dass es einen deutlichen Unterschied zwischen taktisch-operativem und politisch-strategischem Erfolg gibt. Während die israelisch-amerikanischen Militärschläge tatsächlich die Überlegenheit der IDF, U.S. Air Force und U.S. Navy gegenüber den iranischen Streitkräften unter Beweis gestellt haben, die möglicherweise auch für die chinesische Seite rein technisch durchaus beeindruckend waren, darf nicht vergessen werden, dass der Iran eine zweitklassige Militärmacht ist, dessen Luftabwehrkapazitäten bereits letztes Jahr durch die IDF massiv geschwächt worden waren und die sich entsprechend auf ein dezentrales Verteidigungsnetzwerk und die Nutzung nichtmilitärischer, vor allem ökonomischer Druckmittel (Blockade der Straße von Hormuz) verlegt hat. Dies ermöglichte es der iranischen Führung nicht nur zu überleben und an der Macht bleiben, sondern auch die militärisch überlegenen USA zu Verhandlungen zu zwingen und ihnen den politischen Erfolg zu verweigern. 

3. Selbst der rein militärische Erfolg durch rund 13.000 Luftangriffe auf den Iran ist alles andere als ungetrübt, zeigt er doch auch die konventionellen Grenzen der US-Schlagkraft auf. So hat allein die U.S. Navy für 2027 eine massive Erhöhung der Finanzierung der Beschaffung von Tomahawk Cruise Missiles von 58 pro Jahr (für 2026) auf 785 beantragt , nachdem die US-Streitkräfte insgesamt rund 1.000 Tomahawks, 1.000 bis 1.400 Patriots und Hunderte anderer Raketen für Angriffe und die Abwehr iranischer Gegenschläge eingesetzt haben sollen. Mit den etablierten Industriekapazitäten würde die Wiederbeschaffung dieser Munition vier bis fünf Jahre dauern, was keine guten Vorzeichen für einen etwaigen größeren Konflikt mit China oder in Europa ist.

4. Mit der Übernahme der Hauptlast der konventionellen Verteidigung der NATO durch die Europäer verschiebt sich auch die Rolle der US-Vorgaben in der Allianz. Waren Militärdoktrin und Interoperabilität der Streitkräfte bislang vor allem auch auf die Kompatibilität mit den USA im Kriegsfall ausgerichtet, wird das Interoperabilitätsgebot der NATO zukünftig vor allem die Europäer untereinander betreffen, und auch die Frage der Doktrin wird europäisiert werden müssen. Die typische US-Doktrin basiert auf dem überwältigenden Einsatz luft- und seegestützter Feuerkraft zur schnellen Ausschaltung eines Gegner, quasi durch einen zügigen k.o.-Schlag. Die Erfahrungen des Ukraine- und des Iran-Krieges sowie ein Rückblick auf die europäische Kriegsgeschichte des 20. Jahrhunderts zeigt jedoch, dass ein Konfliktbild auf der Basis von Abnutzung und unter Einbeziehung hybrider und "Gray Zone"-Angriffe viel realitätsnäher sein dürfte, nicht zuletzt angesichts des technologischen Fortschritts und der komplexen soziotechnologischen und -ökonomischen Abhängigkeitsstrukturen (post-) moderner Gesellschaften.  

5. Die von den USA faktisch propagierte Arbeitsteilung im Bündnis, wonach die Europäer weitgehend die konventionelle Verteidigung bzw. Abschreckung übernehmen und die USA neben einer gewissen Unterstützung vor allem den nuklearen Schutzschirm aufrechterhalten, ist vollkommen unglaubwürdig und kann keine Basis für eine effektive NATO 3. sein. Denn mit einer umfassenden Reduzierung des US-Engagements in Europa zugunsten des Indopazifik fällt auch das weg, was man während des Kalten Krieges die „Geiselfunktion“ der US-Truppen in Europa nannte oder gegenwärtig verschämter als „Stolperdraht“ alliierter Streitkräfte auf NATO-Gebiet bezeichnet. Vor dem Hintergrund dessen, dass die Drohung mit einem Einsatz von Atomwaffen ohnehin immer mit dem Problem der Selbstabschreckung (d.h. den Glaubwürdigkeitsproblemen insbesondere eines Ersteinsatzes aufgrund der zu erwartenden Schäden bei einer entsprechenden Antwort des Gegners) verbunden ist, und dieses Problem gerade auch im Kontext der erweiterten Abschreckung (d.h. der Inkaufnahme der Zerstörung des eigenen Landes, ohne dass dies selbst direkt bedroht wird, zugunsten eines Verbündeten) noch gravierend verstärkt wird, besteht die Logik des „Stolperdrahtes“ letztlich darin, dass bei einem Angriff die in Europa bzw. an der NATO-Ostflanke stationierten alliierten Truppen automatisch in Mitleidenschaft gezogen werden und ein Verbündeter entsprechend von vorneherein in einen etwaigen Krieg verwickelt wird, mit entsprechender Eskalationsbereitschaft. Verabschieden sich die US-Streitkräfte, insbesondere Heeresverbände, zu großen Teilen aus Europa, so wird die angenommene Bereitschaft der USA, im Falle einer Konfrontation der Europäer mit Russland, einen Atomkrieg mit der Russischen Föderation zu riskieren, vollends unglaubwürdig, schließlich gilt „America first!“.  

Die Konsequenzen sind klar. Das von Hegseth propagierte Modell der NATO 3.0 kann weder militärisch-materiell noch politisch-ideell funktionieren, und dies stellt die Europäer hinsichtlich ihrer Sicherheit und Verteidigung vor drängende Probleme:

Erstens müssen die europäischen EU- und NATO-Mitglieder (plus Kanada) angesichts von Unwillen und wohl auch teilweiser Unfähigkeit der USA zu effektiver Bündnissolidarität schnell ihre Verteidigungskapazitäten verstärken, um tatsächlich durch eine echte Kriegstüchtigkeit, die nicht zuletzt eine umfassende gesamtgesellschaftliche Resilienz auch gegenüber hybriden Bedrohungen umfasst. Dies impliziert mehr als nur ein massives beschleunigtes Aufrüstungsprogramm, wie es das Kieler Institut für Weltwirtschaft unlängst in seinem „Sparta 2.0 Papier“ skizziert hat – wenn auch mit einem wohl zu großzügigen Zeithorizont für die spezifische Bedrohungslage in der anstehenden Übergangszeit. Dass dafür insbesondere in den westeuropäischen Gesellschaften noch ein intensiver Securitization-Prozess notwendig ist, liegt auf der Hand.

Zweitens müssen sich die Europäer eine alternative Grundlage für die gegenseitige Beistandspflicht geben, welche auch im Falle eines Versagens des Art. 5 NATO-Vertrag durch eine Blockade durch die USA funktioniert. Die naheliegende völkerrechtliche Basis ist Art. 42 (7) des EU-Vertrages. Dieser muss zügig operationalisiert werden, d.h. nicht zuletzt als bewusste und öffentlich bekannte und akzeptierte Orientierungslinie europäischer Verteidigung.

Drittens gehört zur Herstellung der Abschreckungsfähigkeit auch die Lösung der Frage nach der nuklearen Komponente gegenüber einem atomar noch immer weit überlegenen Russland. Hier ist auch in Deutschland endlich eine intensive öffentliche Diskussion um die Möglichkeiten einer rein europäischen nuklearen Abschreckung oder deren nichtatomaren Alternativen notwendig.  

   

Literatur / Links

Biscop, Sven (2026): This means war! Operationalizing art. 42.7 TEU. Egmont (Royal Institute for International Relations) Commentary, 9.6.2026; https://egmontinstitute.be/this-means-war-operationalising-art-42-7-teu/ .

zu Fürstenberg, Jeanette/Schularick, Moritz/Lange, Nico u.a. (2026): Der Weg zu europäischer Verteidigungsautonomie: Ein Leitfaden zur Überwindung kritischer Abhängigkeiten. Kiel Institut, Mai 2026; https://www.kielinstitut.de/de/publikationen/aktuelles/europaeische-verteidigungsautonomie-ist-technologisch-machbar-fiskalisch-finanzierbar-und-politisch-entscheidbar/ .